Zusammenfassung
Abszesse der Haut oder Weichteile sind häufige Konsultationsgründe in der allgemeinmedizinischen Praxis und führen häufig zur Ein- bzw. Überweisung in eine chirurgische Klinik. Bei gesicherter Diagnose ist eine Inzision und Drainage des Abszesses die einzig richtige Therapie und darf nicht durch konservative Therapieversuche verzögert werden, bspw. eine topische oder systemische antibiotische Behandlung. Kleine Befunde können durchaus ambulant in einer allgemeinmedizinischen Praxis versorgt werden. Bei Befunden >5 cm oder bei Lokalisation des Abszesses über Gelenken, an den Händen, anogenital sowie im Gesicht sollte die entsprechende Fachdisziplin hinzugezogen werden.
Für eine allgemeine Übersicht siehe: Weichteilinfektion.
Zur spezifischen Therapie bei bestimmten Lokalisationen siehe:
Indikation
- Gesicherter Abszess der Haut oder Weichteile
- Immer operative Entlastung als kausale Therapie
- Ggf. ergänzend antibiotische Therapie
Die chirurgische Behandlung darf nicht durch eine antibiotische Therapie verzögert werden!
Vorbereitung
Aufklärung
- Allgemein
- Chirurgische Aufklärung und anästhesiologische Aufklärung
- Bei Notfallindikation: Verkürzte Aufklärung legitim
- Siehe auch: Aufklärungspflicht
- Eingriffsspezifische Risiken
- Verletzung von Nachbarstrukturen: Sensorischer oder motorischer Funktionsverlust je nach Lokalisation
- Ausweitung je nach intraoperativem Befund
- Rezidive
- Nachsorge
- Offene Wundversorgung [1]
- Verbandswechsel und Wundspülung, ggf. in Allgemeinanästhesie
- Details siehe: Chirurgische Behandlung von Haut- und Weichteilabszessen - Postoperatives Management
Wahl des Anästhesieverfahrens
- Mögliche Verfahren
- Kontraindizierte Verfahren: Lokale Gewebeinfiltration mit einem Lokalanästhetikum [2]
- Voraussetzungen für die Behandlung in Lokal- oder Regionalanästhesie [3]
- Patienteneinwilligung
- Abszess <5 cm
- Geeignete Lokalisation
- Keine Hinweise auf systemische Infektion
- Ausschluss von Kontraindikationen für periphere Nervenblockaden
- Siehe auch: Auswahl des Narkoseverfahrens
Eine Gewebeinfiltration mit einem Lokalanästhetikum am Ort des Abszesses ist bei akuter Entzündung kontraindiziert!
Räumlichkeiten und Personal
- Räumlichkeiten: „Unreiner“ Interventionsraum in der Praxis/Notfallambulanz bzw. Operationssaal
- Personal
- (Fach‑)ärztliches Personal, ggf. mit Assistenz
- Assistenz (unsteril) oder sog. „OP-Springer:in“
- Anästhesiepersonal bei
Kann die Entlastung des Abszesses nicht in einem aseptischen Bereich durchgeführt werden, muss anschließend eine entsprechende Reinigung erfolgen!
Abszesse über Gelenken, im Bereich der Hände, anogenital und im Gesicht sollten durch ärztliches Personal des entsprechenden Fachgebiets behandelt werden!
Material
- Allgemein
- Hautantiseptikum
- Sterile Handschuhe
- Steriler, langärmeliger Kittel
- Mund-Nasen-Schutz
- Kopfhaube
- Reichlich Kompressen (Bauchtücher)
- Stichskalpell (11er)
- Sterile Pinzette
- 50–250 mL Spüllösung in einer Schale (z.B. NaCl 0,9%, Polyhexanidlösung)
- Siehe: Antiseptika
- 20-mL-Spritze
- Knopfkanüle
- Drainagematerial
- Pflaster
- Optional (insb. im OP bzw. bei größeren Befunden)
- Sterile Abdeckung
- Schere
- Elektrisches Messer
- Scharfer Löffel
- Bipolar-/Monopolar-Instrument (ggf. Neutralelektrode)
- Material zur Lokal- oder Regionalanästhesie
- Lokalanästhetikum bzw. Kryoanästhetikum
- Spritze und Kanüle entsprechend der gewählten Technik
- Siehe auch: Vorgehen bei peripheren Nervenblockaden
- Material zur Allgemeinanästhesie
Unmittelbare Vorbereitung
- OP-Gebiet
- Keine Rasur wegen Gefahr der Keimverschleppung
- Ggf. Markierung der geplanten Inzisionsstelle
- Anlage eines peripheren Venenverweilkatheters
- Monitoring entsprechend des Anästhesieverfahrens, siehe
- Ausreichende Analgesie sicherstellen
- Lokal-/Regionalanästhesie: Rechtzeitig applizieren
- Ggf. Kryoanästhesie („Vereisung“): Aufbringen eines Chlorethan-haltigen Sprays mit kältebedingter Ausschaltung des Schmerzempfindens
- Vor Applikation sicherstellen, dass Material und Assistenz bereit sind (kurze Wirkdauer von ca. 3 min)
- Aufsprühen des Kältemittels aus ca. 30 cm Entfernung (wenige Sekunden )
- Kontraindikationen: Allergien gegen Inhaltsstoffe, Anwendung an Schleimhäuten, unterbrochene Hautbarriere und die Anwendung im Kopf-Hals-Bereich
- Inhalation unbedingt vermeiden: Narkotische und hepatotoxische Wirkung von Chlorethan
- Perioperative Antibiotikaprophylaxe: Nicht indiziert
Eine präoperative Rasur des OP-Gebietes birgt die Gefahr einer Keimverschleppung und sollte vermieden werden!
Für einen reibungslosen Ablauf sollte vor Beginn des Eingriffs sichergestellt sein, dass das benötigte Material vollständig und einsatzbereit ist!
Lagerung
- Individuell je nach Lokalisation des Abszesses
- Zu beachten: Bequeme Position für Patient:in und Behandler:in
Eine bequeme Lagerung ist für eine störungsfreie Durchführung essenziell!
Ablauf/Durchführung
Im Folgenden ist ein orientierender Überblick über das allgemeine Vorgehen bei Abszessen dargestellt. Die operative Sanierung an spezifischen Lokalisationen wird an anderer Stelle abgehandelt. Siehe auch:
- Operatives Vorgehen bei Analabszess
- Operatives Vorgehen bei Analfistel
- Therapie bei Nagelentzündungen
Inzision/Exzision des Abszesses [1][5]
- Kleinere Abszesse (<5 cm): Langstreckige Inzision über dem gesamten fluktuierenden Bereich
- Größere Abszesse (>5 cm): Spindelförmige Exzision der Haut über dem gesamten fluktuierenden Bereich
Probenentnahme zur mikrobiologischen Untersuchung
- Indikation: Immer bei systemischen Infektionszeichen
- Zeitpunkt: Unmittelbar nach Inzision und möglichst vor Antibiotikagabe
- Technik
- Bevorzugt: Aspirat, Punktat oder Gewebe
- Alternativ bei kleinem Befund: Abstrich
- Transport
- Steriles Gefäß
- Gewebe (knapp mit steriler 0,9% NaCl-Lösung bedeckt)
- Abstriche im zugehörigen Abstrichröhrchen
Die Gewinnung größerer Mengen Probenmaterial (bspw. als Punktat) ist einem Abstrich möglichst vorzuziehen!
Abszessausräumung [5]
- Vorsichtiges Spülen der Abszesshöhle mit der Knopfkanüle
- Bei ausreichender Analgesie
- Vollständiges stumpfes Eröffnen der Abszesshöhle bis zum Grund
- Ggf. Kürettage am Abszessgrund mit scharfem Löffel
- Blutstillung (Diathermie)
Eine zu sparsame Inzision erschwert die suffiziente Abszessausräumung und erhöht das Rezidivrisiko!
Durch vorsichtiges manuelles Austasten kann bei großen Abszesshöhlen das Übersehen von anhängenden Abszesshöhlen („Fuchsbau“) vermieden werden!
Wundversorgung
- Lockeres Austamponieren der Abszesshöhle mit geeignetem feuchten Material oder Drainage
- Abschließend trockene Kompressen (ggf. Bauchtücher)
- Fixierung des Verbandsmaterials
Postoperatives Management
Systemische antibiotische Therapie [6]
- Indikationen [7]
- Zeichen einer systemischen Infektion
- Spezielle Lokalisation: Gesicht, Hände, Anogenitalbereich
- Immundefizienz
- Rezidivierende Abszesse
- Durchführung
- Kalkulierte Antibiotikatherapie
- Resistogrammgerechte Anpassung der Therapie im Verlauf
- Siehe auch: Systemische antibiotische Therapie bei Haut- und Weichteilabszess
Bei unkomplizierten Abszessen ohne Zeichen einer systemischen Infektion besteht keine Indikation zur systemischen antibiotischen Therapie!
Wundmanagement
- Initial Spülung der Abszesshöhle 1–2-mal täglich, ggf. in Allgemeinanästhesie
- Weitere Verbandswechsel und Spülung je nach Befund
- Bei sehr großer Wundhöhle: Ggf. im Verlauf (bei sauberen Wundverhältnissen) VAC-Therapie erwägen
- Entfernung der Drainage nach 1–2 Tagen
- Abschluss der Behandlung, wenn sekundäre Wundheilung abgeschlossen