Zusammenfassung
Von einer Hyperbilirubinämie spricht man bei einer Gesamt-Bilirubinkonzentration im Blut von ≥1,1 mg/dL. Alle cholestatisch verlaufenden akuten oder chronischen Lebererkrankungen können als Differenzialdiagnose in Betracht kommen, zeigen jedoch fast ausnahmslos weitere pathologische Leberwerte. Klinisch sind die Hyperbilirubinämie-Syndrome nur selten relevant. Das gemeinsame Leitsymptom ist ein passagerer Ikterus. Die Differenzialdiagnose ist bei Kenntnis der Charakteristika einfach und ohne großen Aufwand möglich. Therapeutisch muss nur beim Crigler-Najjar-Syndrom interveniert werden, während ansonsten keine Maßnahmen notwendig sind. Die Prognose der meisten familiären Hyperbilirubin-Syndrome ist gut.
Einteilung
Eine Einteilung in zwei Gruppen ist diagnostisch und prognostisch von Bedeutung:
Erhöhtes indirektes Bilirubin | |
---|---|
Erhöhtes direktes Bilirubin |
Morbus Gilbert (Gilbert-Syndrom, Morbus Meulengracht, Icterus intermittens juvenilis)
- Epidemiologie: Häufigstes hereditäres Hyperbilirubinämie-Syndrom (E80.4)
- Ätiologie
- Gering verminderte Aktivität des Enzyms UDP-Glucuronyltransferase
- Hereditäre Erkrankung
- Auslösende Faktoren
- Körperlicher Stress (Trauma, Erkrankung, Anstrengung)
- Fastenperioden
- Alkoholkonsum
- Diagnostik
-
Indirektes Bilirubin↑
- Sonst normale Blut-/Leberwerte
- Nachweis der Mutation mittels PCR
-
Indirektes Bilirubin↑
- Klinik
- Evtl. unspezifische Symptomatik wie Inappetenz oder Schlappheit
- Evtl. Ikterus, variable Ausprägung (meist nur milder Sklerenikterus, aber auch generalisierter Ikterus möglich)
- Therapie
- Keine Therapie notwendig
Crigler-Najjar-Syndrom
Das Crigler-Najjar-Syndrom ist eine angeborene Stoffwechselstörung des Bilirubins. Hierbei ist die Aktivität der UDP-Glucuronyltransferase stark vermindert. Es besteht eine Verwandtschaft zum Morbus Gilbert. Beim Crigler-Najjar-Syndrom sind die Enzymaktivitäten jedoch weitaus geringer. Es entstehen klinisch relevante Hyperbilirubinämien. Zwei Formen lassen sich unterscheiden: Crigler-Najjar-Syndrom Typ I und Typ II.
Crigler-Najjar-Syndrom Typ I
- Ursache: Funktionslose UDP-Glucuronyltransferase
- Vererbung: Autosomal-rezessiv
- Klinik
- Exzessiver Neugeborenenikterus
- Kernikterus mit sehr schlechter Prognose
- Diagnostik
- Indirektes Bilirubin↑↑
- Weitere Leberwerte im Normalbereich
- Therapie
- Blaulicht-Therapie
- Gabe von Zinn-Protoporphyrin
- Gabe von Calciumcarbonat
Crigler-Najjar-Syndrom Typ II (Arias-Syndrom)
- Ätiologie: Mäßige Minderung der UDP-Glucuronyltransferase-Aktivität
- Vererbung: Autosomal-rezessiv
- Klinik
- Neugeborenenikterus
- Ikterische Schübe im Verlauf des ersten Lebensjahres
- Therapie
- Blaulicht-Therapie (wie Typ I)
- Rifampicin/Phenobarbital
- Vermeidung hormoneller Kontrazeption + Medikamente mit hepatischer Enzyminhibition
- Prognose: Bei adäquater Therapie gut
Dubin-Johnson-Syndrom (Dubin-Johnson-Sprinz-Syndrom)
- Pathophysiologie
- Defekt des MRP-2-Transporters
- Es kommt zu einer Transportstörung des bereits konjugierten (direkten) Bilirubins aus der Leberzelle in die Gallenkanälchen
- Vererbung: Autosomal-rezessiv
- Diagnostik
- Direkte Hyperbilirubinämie
- Urin: Gesamt-Koproporphyrine normal
- Leberbiopsie: Hepatozelluläre dunkle Pigmentationen
- Klinik
- Leichter bis moderater Ikterus
- Meist im Jugendalter beginnend
- Verstärkung u.a. durch Medikamente (insb. Kontrazeptiva), Schwangerschaft
- Selten Splenomegalie
- Leichter bis moderater Ikterus
- Besonderheiten
- Vorsicht bei der Gabe lebertoxischer Medikamente (→ Verstärkung des Ikterus)
- Kontraindikation für orale Kontrazeptiva
Rotor-Syndrom (Rotor-Manahan-Florentin-Syndrom)
- Pathophysiologie
- Defekter Organo-Anion-Transporter (OATP) in den Hepatozyten
- Es kommt zu einer Transportstörung des bereits konjugierten (direkten) Bilirubins und einer verringerten Speicherkapazität für konjugiertes Bilirubin
- Vererbung: Autosomal-rezessiv
- Diagnostik
- Mäßige, direkte Hyperbilirubinämie
- Übrige Leberwerte im Normalbereich
- Urin: Gesamt-Koproporphyrine↑
- Klinik: I.d.R. Asymptomatisch
- Besonderheiten
- Vorsicht bei der Gabe von lebertoxischen Medikamenten
- Kontraindikation für orale Kontrazeptiva
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Hyperbilirubinämie und Ikterus – Teil 1
Hyperbilirubinämie und Ikterus – Teil 2
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- E80.-: Störungen des Porphyrin- und Bilirubinstoffwechsels
- E80.4: Gilbert-Meulengracht-Syndrom (E80.4)
- E80.5: Crigler-Najjar-Syndrom
- E80.6: Sonstige Störungen des Bilirubinstoffwechsels
- E80.7: Störung des Bilirubinstoffwechsels, nicht näher bezeichnet
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.