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Prävention und Gesundheitsförderung

Letzte Aktualisierung: 21.2.2025

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Neben dem Behandeln und Heilen von Krankheiten gehören auch die Förderung und Erhaltung der Gesundheit zu den Aufgaben von Ärzt:innen bzw. des Gesundheitswesens. Mithilfe präventiver Maßnahmen gilt es, der Entstehung von Erkrankungen vorzubeugen, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und Folgen einer bereits bestehenden Erkrankung zu minimieren. In diesem Kapitel werden die verschiedenen Formen der Prävention erläutert, einige Theorien und Modelle der jeweiligen Präventionsformen vorgestellt sowie präventive Maßnahmen des deutschen Gesundheitssystems dargelegt.

Du möchtest diesen Artikel lieber hören als lesen? Wir haben ihn für dich im Rahmen unserer studentischen AMBOSS-Audio-Reihe im Podcastformat vertont. Den Link findest du am Kapitelende in der Sektion „Tipps & Links".

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Übersicht der Präventionsformentoggle arrow icon

Der Begriff Prävention (von lat. praevenire = zuvorkommen, vorbeugen) umfasst Konzepte, Strategien und Maßnahmen mit dem Ziel, die Entstehung von Erkrankungen zu verhindern, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und Folgen einer bereits bestehenden Erkrankung zu minimieren.

Präventionsformen

Präventionsformen
Funktion Zielgruppe Beispiel
Primäre Prävention
  • Verhinderung des Neuauftretens einer Erkrankung
  • Gesunde
Sekundäre Prävention
  • Früherkennung von Krankheiten (bei Vorliegen von Risikofaktoren)
  • Verhinderung der Krankheitsentstehung bei Vorliegen von Risikofaktoren
  • Verhinderung von Krankheitsrezidiven
  • Risikopersonen
  • Screeninguntersuchungen (z.B. Koloskopie zur Darmkrebsfrüherkennung)
  • Diätempfehlungen bei prädiabetischer Stoffwechsellage
  • Medikamentöse Behandlung von Risikofaktoren (z.B. Blutdruckeinstellung nach Schlaganfall)
Tertiäre Prävention
  • Verhinderung der Verschlimmerung einer Erkrankung
  • Verhinderung von Folgeschäden einer Erkrankung
  • Abmilderung des Krankheitsverlaufs
  • Erkrankte
  • Rehabilitationsmaßnahmen (z.B. mit Ernährungsberatung, Sportprogramm und Patientenschulungen)

Verhaltens- und Verhältnisprävention

Grundsätzlich kann zwischen zwei Ansatzpunkten der Prävention unterschieden werden.

  • Verhaltensprävention
    • Funktion: Förderung gesunder Verhaltensweisen eines Individuums
    • Zielgruppe: Gesamtbevölkerung
    • Beispiel: Anbieten von Rückenschulkursen, Auslegen von Informationsbroschüren, soziales Marketing (Nutzung verschiedener Medien wie bspw. Plakat-, Fernseh- oder Internetwerbung zur Rauchaufklärung)
  • Verhältnisprävention
    • Funktion: Verbesserung der Lebensbedingungen und gesundheitsförderliche Gestaltung des Umfelds der Menschen
    • Zielgruppe: Gesamtbevölkerung
    • Beispiel: Gurtpflicht in Autos, Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, Iodierung von Speisesalz

Die Kombination aus verhaltens- und verhältnispräventiven Maßnahmen verspricht größeren Erfolg als die alleinige Durchführung einer der beiden Maßnahmen!

Universelle, selektive und indizierte Prävention

  • Universelle Prävention
  • Selektive Prävention
    • Zielgruppe: Vermutete Risikopersonen
    • Beispiel: Spezifische Aufklärungskampagnen für sexuell hochaktive Menschen mit potenziell risikobereitem Verhalten
  • Indizierte Prävention
    • Zielgruppe: Gesicherte Risikopersonen
    • Beispiel: Förderung des Kondomgebrauchs bei HIV-Infizierten

Paradoxon der Prävention

  • Präventive Maßnahmen, die für eine große Gruppe von Nutzen sein können, bieten dem Einzelnen oft nur einen geringen oder keinen persönlichen Vorteil
  • Präventive Maßnahmen, die für eine kleine Gruppe von Vorteil sein können, haben nur einen geringen positiven Nutzen für die große Gruppe
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Präventive Maßnahmentoggle arrow icon

Präventive Maßnahmen sollen das alltägliche Gesundheits- und Krankheitsverhalten der Menschen beeinflussen.

Maßnahmen der primären Prävention

Primäre Präventionsmaßnahmen zielen darauf ab, Risikofaktoren zu verringern und das Neuauftreten einer Krankheit zu verhindern, bspw. durch Impfungen oder Änderung der Lebensgewohnheiten (Rauchentwöhnung, Ernährungsumstellung, Zahnpflege etc.). Um Lebensgewohnheiten zu ändern, hat sich der Setting-Ansatz als besonders hilfreich erwiesen.

  • Setting-Ansatz
    • Ziel: Verhaltensänderung im Alltag
    • Eigenschaften
      • Die Zielgruppe wird in ihrer Lebenswelt (Setting) aufgesucht und zielgenau angesprochen
      • Ermöglicht nachhaltigere Erfolge als allgemein gehaltene Kampagnen
      • Erleichtert das Berücksichtigen von Barrieren, die gesundheitsförderlichem Verhalten im Wege stehen
    • Beispiel: Yogastunden in der Mittagspause für Büroangestellte, um Rückenschmerzen vorzubeugen

Maßnahmen der sekundären Prävention

Sekundäre Präventionsmaßnahmen zielen darauf ab, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, ihrer Entstehung bei Vorliegen von Risikofaktoren vorzubeugen und Krankheitsrezidive zu verhindern. Dies wird bspw. mithilfe von Screeningmaßnahmen, Empfehlungen zum Lebensstil und medikamentösen Therapien erreicht.

  • Screeningmaßnahmen
    • Ziel: Erkennen von Krankheiten in therapierbaren Frühstadien
      • Effektiv sind Screeningmaßnahmen dann, wenn durch die frühzeitige Diagnose die Überlebenszeit verlängert und/oder die Lebensqualität verbessert wird
    • Beispiel: Koloskopie zur Darmkrebsvorsorge
    • Voraussetzungen für den Einsatz von Screeningmaßnahmen
      • Die betreffende Erkrankung sollte häufig sein und schwerwiegende Folgen haben
      • Vorhandensein eines geeigneten Screeningtests
      • Vorhandensein einer in Frühstadien wirksamen und anerkannten Therapie
    • Risiken von Screeninguntersuchungen
      • Überdiagnose
      • Falsch-positive Befunde
      • Falsch-negative Befunde
      • Beispiel: Der Screeningtest für das Prostata-spezifische Antigen verhindert bei 3 von 1.000 Männern den Tod durch ein Prostatakarzinom. Für die restlichen 997 Männer hat der Test keinen Nutzen hinsichtlich der Sterblichkeit. Demgegenüber stehen die Risiken: Der Test fällt häufig falsch-positiv aus oder führt mitunter zur Diagnose eines Prostatakarzinoms, das für die Betroffenen im Laufe des Lebens gar keine Probleme verursacht hätte.
    • Um den Einsatz und die Ergebnisse von Screeningmaßnahmen angemessen beurteilen zu können, ist es erforderlich, einige epidemiologische Begriffe und deren Bedeutung zu kennen. So ist etwa der Nutzen eines Screeningtests umso größer, je höher die Prävalenz der gescreenten Erkrankung ist. Für weitere wichtige epidemiologische Begriffe siehe: Gesundheit und Krankheit und Medizinische Statistik und Testtheorie.

Maßnahmen der tertiären Prävention

Tertiäre Präventionsmaßnahmen zielen darauf ab, das Verschlimmern einer bereits bestehenden Erkrankung zu verhindern und das Auftreten von Folgeschäden zu minimieren, sodass der Krankheitsverlauf abgemildert wird (bspw. körperliche Aktivität bei unspezifischen Rückenschmerzen).

Soziotherapie

Die Soziotherapie hat zum Ziel, die Weiterbehandlung, Nachsorge und Wiedereingliederung schwer psychisch Erkrankter zu verbessern.

  • Konzept zur Unterstützung schwer psychisch Erkrankter in Form von Motivationsarbeit und strukturierten Trainingsmaßnahmen
  • Unterstützung bei der Koordination und Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitssystems
  • Hilfestellung bei der Bearbeitung psychosozialer Probleme dieser Patientengruppe

Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen sollen chronisch Erkrankten dabei helfen, mit ihrer Krankheit umzugehen und sich förderlich zu verhalten, um bspw. im Rahmen von Suchterkrankungen nicht rückfällig zu werden. Selbsthilfegruppen sind durch folgende Merkmale charakterisiert

  • Freiwillige, regelmäßige Treffen von Betroffenen
  • Leitung der Gruppe durch eine betroffene Person
  • Hilfe zur Bewältigung der Erkrankung und ihrer Folgen
    • Bereitstellung von Informationen zu Erkrankung und alltäglichen Hilfen (informationelle Unterstützung)
    • Erfahrungsaustausch
    • Emotionale Unterstützung
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Rekrutierung von Patientenvertreter:innen aus den Selbsthilfegruppen, die die Interessen der Betroffenen vor dem Gesundheitswesen vertreten

Patientenschulungen

Patientenschulungen (synonym in der Verhaltenstherapie als „Psychoedukation“ bezeichnet) richten sich an chronisch Erkrankte . In diesem Rahmen erhalten Patient:innen Informationen über die Erkrankung und ihre Behandlung und eine Anleitung für Verhaltensweisen und Fertigkeiten, deren Integration in den Alltag aktiv trainiert wird. Dabei werden die Alltagserfahrungen der Patient:innen sowie deren persönliche Ziele stets berücksichtigt.

  • Bausteine der Patientenschulung
    • Vermitteln von Informationen über die Erkrankung und ihre Behandlung
    • Erlernen von Fertigkeiten zur Selbstdiagnostik und -behandlung
    • Motivation zum Abbau von Risikofaktoren und zur Verbesserung des Lebensstils
    • Stressbewältigungstraining
    • Training sozialer Kompetenzen
    • Psychologische Unterstützung
  • Angewandte didaktische Vorgehensweisen
    • Strukturierte Vorträge
    • Gruppendiskussionen
    • Praktische Übung von Fertigkeiten
    • Lernzielkontrollen

Rehabilitation

Mithilfe von Rehabilitationsmaßnahmen soll Patient:innen ermöglicht werden, wieder in ihren normalen Alltag zurückzukehren sowie am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Je nach Beschäftigungsverhältnis und Grund für die Rehabilitation werden die Rehabilitationsmaßnahmen durch verschiedene Kostenträger gedeckt.

  • Rehabilitationsmaßnahmen: Zielen auf Veränderungen von Lebensstil, Wohlbefinden, Lebensqualität sowie berufliche und gesellschaftliche Integration ab; dazu zählen u.a.
    • Patientenschulungen
    • Bewegungstherapie
    • Hilfe bei der Wiedereingliederung in Beruf und Gesellschaft
    • Arbeitsplatzbezogenes Training (z.B. Belastungstraining an Arbeitsstätten)
  • Rehabilitationsträger in Deutschland

Im Gegensatz zur Kur, bei der die Maßnahmen eher passiv sind (z.B. Heilquellen, Massagen), sind Rehabilitationsmaßnahmen durch aktive Mitarbeit der Patient:innen gekennzeichnet!

Reha-Antrag
Viele Patient:innen können im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt von einer Rehabilitation profitieren. Dazu muss vom ärztlichen Personal ein Reha-Antrag ausgefüllt werden. Die Formulare unterscheiden sich dabei je nach Kostenträger, weshalb es durchaus praxisrelevant ist, sich mit den Rehabilitationsträgern auszukennen!

ICF-Klassifikation

Da sich das Ausmaß der Funktionsbeeinträchtigung durch eine Erkrankung individuell unterscheidet, hat die WHO neben der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) eine Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF, International Classification of Functioning, Disability and Health) erstellt. Diese wird im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen angewendet.

  • Kurzbeschreibung: Standardisierte und von der WHO herausgegebene Klassifikation zur Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes, der Behinderung, der sozialen Beeinträchtigung und der relevanten Umgebungsfaktoren eines Menschen
  • Folgende Komponenten werden berücksichtigt
    • Körperfunktionen und -strukturen (früher: Impairment): Ausmaß der Beeinträchtigungen auf physischer und psychischer Ebene
    • Aktivität (früher: Disability): Ausmaß der Fähigkeit, am Alltagsleben teilzunehmen
    • Partizipation (früher: Handicap): Ausmaß der Fähigkeit, seinen Beruf auszuüben und so an der Gesellschaft teilzuhaben
    • Kontextfaktoren in einer Person und deren Umwelt

Pflege von Pflegebedürftigen

Die meisten Pflegebedürftigen werden durch ihre Angehörigen versorgt, was zumeist mit einer großen seelischen und körperlichen Belastung verbunden ist. Die Pflegebedürftigkeit wird anhand der Einschränkungen bei den Aktivitäten des täglichen Lebens beurteilt. Nach der Einstufung in einen der fünf Pflegegrade kann der Umfang der pflegerischen Leistungen festgelegt werden. All dies erfolgt durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK).

  • Einteilung der Pflegeleistungen in drei Gruppen
    • Behandlungspflege: Pflegeleistungen im Rahmen medizinischer Versorgung
    • Grundpflege: Pflegeleistungen zur Unterstützung bei der Bewältigung der Aktivitäten des täglichen Lebens
    • Hauswirtschaftliche Versorgung: Leistungen zur Aufrechterhaltung der eigenständigen Haushaltsführung
  • Beurteilung der Pflegebedürftigkeit anhand von Einschränkungen bei Aktivitäten des alltäglichen Lebens in den folgenden sechs Lebensbereichen (sog. Module)
    1. Mobilität
    2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
    3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
    4. Selbstversorgung
    5. Umgang mit Krankheits- und Therapieanforderungen
    6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

Pflegegrade statt Pflegestufen
Seit Januar 2017 wird die Einteilung der Pflegebedürftigkeit in fünf Pflegegrade und nicht mehr in drei Pflegestufen vorgenommen. Ziel dabei ist es, v.a. den Unterstützungsbedarf von Pflegebedürftigen (auch Kindern) unter Einbeziehung kognitiver und psychischer Beeinträchtigungen abzubilden. So werden seit 2017 bei der Beurteilung der Pflegebedürftigkeit körperliche, kognitive und psychische Einschränkungen gleichermaßen berücksichtigt. Das vorherige Begutachtungsinstrument erfasste lediglich Einschränkungen bei den Aktivitäten des täglichen Lebens in den vier Bereichen Körperpflege, Ernährung, Mobilität und hauswirtschaftliche Versorgung. Zudem ist der Pflegegrad 1 neu und soll Menschen unterstützen, die bisher keine Bedingung für eine Pflegestufe erfüllt haben. Sie erhalten zwar kein Pflegegeld, dafür jedoch einen Entlastungsbetrag für Pflege oder Pflegesachleistungen. Zur Umrechnung der bisherigen Pflegestufen siehe auch: Pflegegrade.

Die Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland steigt kontinuierlich. 2010 waren es etwa 2,5 Millionen, während es 2021 bereits 4,96 Millionen pflegebedürftige Menschen gab! Die Umstellung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs 2017 hat dabei zu einem überdurchschnittlichen Anstieg der Zahlen geführt.

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Gesundheitsverhalten und Modelle gesundheitsrelevanten Verhaltenstoggle arrow icon

Im Laufe der Zeit wurde neben der Frage nach Risikofaktoren im Sinne der klassischen Prävention zunehmend die Frage nach Faktoren der Gesundheitsförderung gestellt. In diesem Zuge wurden verschiedene Konzepte und Modelle gesundheitsrelevanten Verhaltens entwickelt, die sich zum Teil überschneiden und ergänzen und im Folgenden vorgestellt werden.

  • Schutzfaktoren: Persönliche oder umweltbezogene Faktoren, die das Auftreten von Gesundheitsstörungen oder Erkrankungen weniger wahrscheinlich machen (z.B. optimistische Lebenseinstellung oder soziale Unterstützung)
  • Resilienz (Widerstandsfähigkeit, psychische Elastizität, Anpassungsfähigkeit): Fähigkeit eines Menschen aufgrund seiner psychischen oder körperlichen Belastbarkeit, Lebensereignisse oder Krankheiten ohne langfristige Beeinträchtigung zu überstehen
  • Modell der Salutogenese
    • Beschäftigt sich mit der Frage, warum manche Menschen trotz ungünstiger Verhältnisse gesund bleiben
    • Zielt auf Gesundheitsförderung ab, nicht auf Krankheitsvermeidung
    • Wichtige gesundheitsfördernde Faktoren
      1. Individuelle Widerstandsressourcen (bspw. Intelligenz, soziale Unterstützung)
      2. Kohärenzgefühl (siehe Tabelle)
Kohärenzgefühl im Rahmen des Salutogenesemodells
Sinnhaftigkeit

Das Gefühl, dass es sich lohnt, sich einzusetzen und Kraft zu investieren

Bewältigbarkeit

Das Gefühl, über ausreichende Ressourcen zu verfügen, um Lebensereignissen zu begegnen

Verstehbarkeit

Das Gefühl, dass Lebensereignisse nicht willkürlich geschehen, sondern absehbar sind

Kontinuierliche Modelle gesundheitsrelevanten Verhaltens

Die folgenden Modelle sind kontinuierliche Modelle. Sie gehen davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, ein gesundheitsförderliches Verhalten zu zeigen, kontinuierlich ansteigt bzw. abfällt, je stärker die jeweiligen Einflussfaktoren ausgeprägt sind.

Gesundheitsmodelle und Einflussfaktoren
Kontinuierliche Modelle des gesundheitsrelevanten Verhaltens Beschreibung Einflussfaktoren im jeweiligen Modell
Theorie der Schutzmotivation
  • Beschäftigt sich mit der Auswirkung von Furcht auf die Wahrscheinlichkeit, ein präventives Verhalten auszuführen
  • Schutzmotivation: Die Motivation für ein Gesundheitsverhalten besteht aufgrund von Furcht vor negativen Folgen des aktuellen Verhaltens
Health-Belief-Modell
  • Beschreibt, wie gesundheitsbezogene Wahrnehmungen und Überzeugungen das Gesundheitsverhalten beeinflussen
  • Wahrgenommene Gesundheitsbedrohung
    • Die zu verhindernde Erkrankung wird als bedrohlich wahrgenommen
    • Die betroffene Person sieht sich selbst als gefährdet an
  • Kosten-Nutzen-Bilanz
    • Die betroffene Person erwartet, dass das präventive Verhalten wirksam ist (Nutzen)
    • Der Nutzen wird gegen Barrieren und Einschränkungen durch die präventiven Maßnahmen abgewogen (Kosten)
  • Situative Hinweisreize (bspw. mediale Gesundheitskampagnen)
Modell des geplanten Verhaltens
  • Nimmt an, dass Verhalten unmittelbar durch die Intention bestimmt wird
  • Beschreibt, welche Faktoren zur Intentionsbildung beitragen
  • Einstellung: Positive und negative Erwartungen und Bewertungen eines Verhaltens
    • „Wenn ich mich gesünder ernähre, sinkt mein Risiko, krank zu werden."
  • Subjektive Norm: Erwartungen des sozialen Umfelds
    • „Meine Freundin möchte, dass ich mich gesünder ernähre."
  • Wahrgenommene Verhaltenskontrolle: Eine mögliche Verhaltensänderung erscheint machbar oder unwahrscheinlich
    • „Ich habe die Möglichkeit, mich gesünder zu ernähren."
Sozial-kognitive Theorie (Konzept der Selbstwirksamkeit)
  • Nimmt an, dass Verhalten unmittelbar durch die Intention bestimmt wird
  • Beschreibt, wie Erwartungen über Handlungsergebnisse und die eigene Selbstwirksamkeit Intention und Verhalten beeinflussen
  • Selbstwirksamkeitserwartung (Kompetenzerwartung)
    • Das Ausmaß der Überzeugung, dass das gesundheitsfördernde Verhalten auch unter widrigen Umständen bewerkstelligt werden kann
  • Handlungswirksamkeit (Handlungs-Ergebnis-Erwartung)
    • Das Ausmaß der Annahme, durch eine Handlung einen Nutzen zu erreichen
  • Förderliche und hinderliche soziokulturelle Faktoren

Stadienmodelle gesundheitsrelevanten Verhaltens

Die folgenden Modelle sind Stadienmodelle. Sie gehen davon aus, dass die Betroffenen auf dem Weg zu einer andauernden Verhaltensänderung qualitativ unterschiedliche Stadien durchlaufen. Die Modelle berücksichtigen insb., dass die Absicht, ein Verhalten auszuführen, und das tatsächliche Ausführen z.T. weit voneinander entfernt liegen (sog. Intentions-Verhaltens-Lücke). Im Rahmen von Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung (z.B. ärztliche Gespräche) sollte berücksichtigt werden, in welchem Stadium die Patient:innen sich befinden und welche Einflussfaktoren hierbei vordergründig wirken.

Transtheoretisches Modell der Verhaltensänderung

  • Folgende Stufen werden von Personen, die ihr Verhalten ändern (wollen), gemäß dem Modell durchlaufen, wobei Maßnahmen und Unterstützungsangebote zum aktuellen Stadium passen sollen.
    • Absichtslosigkeit (Precontemplation): Die Person ist sich ihres Problemverhaltens noch nicht bewusst bzw. will es nicht wahrhaben
    • Bewusstwerden (Absichtsbildung, Contemplation): Die Person wird sich ihres Problemverhaltens bewusst und wägt Vor- und Nachteile der Verhaltensänderung ab
    • Vorbereitung (Preparation): Die Person plant ihre Verhaltensänderung
    • Handlung (Action): Die Person setzt die gewünschte Verhaltensänderung durch
    • Aufrechterhaltung (Maintenance): Das gewünschte Verhalten wird aufrechterhalten , Rückschläge werden ausgehalten
    • Stabilisierung: Das gewünschte Verhalten wird über mehrere Jahre aufrechterhalten und somit zur Gewohnheit

Sozialkognitives Prozessmodell gesundheitlichen Handelns

  • Folgende Phasen werden der Reihe nach durchlaufen
    • Motivationale Phase: Bildung der Intention
    • Volitionale Phase: Unterteilt sich in
      • Eine präaktionale Phase (= konkrete Planung der Handlung)
      • Eine aktionale Phase (= Ausführung und Aufrechterhaltung der Handlung)
      • Eine postaktionale Phase (= Handlungsbewertung, Reflexion von Erfolg oder Misserfolg und ggf. Wiederherstellung des Verhaltens nach Rückfällen oder Abwenden vom Ziel)

Die Selbstwirksamkeitserwartung, auch Kompetenzerwartung genannt, ist zentraler Bestandteil der meisten Modelle, und zwar in allen Stadien der Verhaltensänderung. Dieser Begriff bringt zum Ausdruck, inwieweit ein Mensch davon überzeugt ist, ein Verhalten auch gegen Widerstände ausführen zu können!

Ansatzpunkte und Zielgruppen der Gesundheitsförderung

Gesundheitsförderung umfasst alle Aktivitäten zur Verbesserung der Gesundheit. Sie kann das Gesundheitsverhalten auf verschiedenen Ebenen (individuell oder strukturell) adressieren und sich an verschiedene Zielgruppen richten. Dabei spielt das soziale Umfeld mit seinen Einstellungen, Normen und Verhaltensmodellen stets eine wichtige Rolle.

  • Strukturelle Gesundheitsförderung: Ziel ist die Verbesserung gesundheitsrelevanter Lebens- und Arbeitsbedingungen (= Änderung der Lebensumwelt), u.a. durch
    • Rauchverbot am Arbeitsplatz
    • Gesunde Essensauswahl in der Personalkantine
    • Ergonomische Arbeitsplätze
    • Reduzierung der Schadstoffaussetzung
  • Individuelle (= personale) Gesundheitsförderung: Ziel ist die Verbesserung individueller gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen (= Verhaltensänderungen), z.B. durch
    • Stressbewältigungskurse
    • Rauchentwöhnungsprogramme
    • Sportkurse
  • Zielgruppe: Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Merkmalen (z.B. Alter, Geschlecht, Konsumgewohnheiten) und Lebenssituationen (z.B. soziales Milieu, Einkommen), an die Angebote und Maßnahmen der Gesundheitsförderung gezielt gerichtet werden
  • Multiplikator:innen: Personen oder Institutionen, die gesundheitsförderliche Maßnahmen an Zielgruppen vermitteln
    • Institutionen, die breite Maßnahmen der Gesundheitsförderung entwerfen (sog. Absender ), haben oftmals nur begrenzt direkten Zugang zu Zielgruppen. Für eine erfolgreiche Umsetzung der Maßnahmen braucht es Personen, die mit vielen Menschen in Kontakt kommen, Glaubwürdigkeit und Akzeptanz bei der Zielgruppe genießen und kompetent gesundheitsrelevantes Wissen vermitteln.

Besonderheiten in der Adoleszenz

  • Jugendliche zeigen im Durchschnitt eine höhere Risikobereitschaft (Bspw. Binge-Drinking, ungeschützter Geschlechtsverkehr)
  • Der Einfluss sozialer Faktoren auf das Gesundheitsverhalten ist in der Adoleszenz besonders groß
  • Negativen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten Jugendlicher haben v.a.
    • Individuelle Krisen des Selbstwertgefühls
    • Individuelle Persönlichkeitseigenschaften wie bspw. eine Neigung zu riskantem Verhalten
    • Schädliche Einflüsse durch Zugehörigkeit zu einer Peergroup
    • Unzureichende Eingliederung in die Gesellschaft

Den Lebensstil zu ändern, kann eine große Herausforderung sein. Gesundheitsschädigendes Verhalten wird z.T. von sozialen Faktoren begünstigt und ist oft bereits zur Gewohnheit geworden, die zudem häufig mit einer (kurzfristigen) Stressreduktion verbunden ist!

Theorie der kognitiven Dissonanz

Zwischen Einstellung und Verhalten besteht häufig eine Diskrepanz. Wie Menschen dieser Diskrepanz begegnen, erläutert die Theorie der kognitiven Dissonanz. Da der Erfolg präventiver Maßnahmen häufig durch die Widersprüchlichkeit zwischen Einstellung und Verhalten beeinträchtigt ist, ist die Theorie der kognitiven Dissonanz gerade in diesem Bereich von entscheidender Bedeutung.

  • Ein Widerspruch von Verhalten und Einstellung erzeugt einen unangenehmen Spannungszustand (Gefühl der kognitiven Dissonanz)
  • Strategien zur Auflösung des Spannungszustands
    • Veränderung der Einstellung
    • Hinzufügen neuer Gedanken, um das Verhalten zu rechtfertigen
    • Ausblenden unstimmiger Informationen
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Wiederholungsfragen zum Kapitel Prävention und Gesundheitsförderungtoggle arrow icon

Übersicht der Präventionsformen

Was versteht man unter primärer Prävention?

Was versteht man unter sekundärer Prävention?

Was versteht man unter tertiärer Prävention?

Erkläre die beiden Begriffe Verhaltens- und Verhältnisprävention!

Präventive Maßnahmen

Was versteht man unter dem Setting-Ansatz?

Welches Ziel verfolgt die Rehabilitation und mit welchen Maßnahmen soll dieses Ziel erreicht werden?

Welches Ziel wird mit Patientenschulungen verfolgt und worauf wird bei deren Durchführung besonderen Wert gelegt?

Was ist das besondere Kennzeichen von Selbsthilfegruppen?

Was versteht man unter Patientenvertreter:innen?

An welche Patientengruppe richtet sich die Soziotherapie und was ist deren Zielsetzung?

Etwa wie viele Menschen sind derzeit in Deutschland pflegebedürftig und welche Arbeitsgemeinschaft nimmt deren Einstufung vor?

Welche Aspekte erfasst die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)?

Gesundheitsverhalten und Modelle gesundheitsrelevanten Verhaltens

Was versteht man unter Resilienz?

Beschreibe das Modell der Salutogenese!

Was versteht man unter dem Health-Belief-Modell?

Was versteht man unter dem Modell des geplanten Verhaltens?

Was versteht man unter Selbstwirksamkeit bzw. Selbstwirksamkeitserwartung?

Was versteht man unter dem transtheoretischen Modell der Verhaltensänderung?

Beschreibe das Prozessmodell gesundheitlichen Handelns!

Nenne jeweils einige Beispiele für strukturelle sowie für individuelle Gesundheitsförderung!

Was versteht man unter Multiplikator:innen?

Nenne einige Faktoren, die das gesundheitsschädigende Verhalten in der Adoleszenz beeinflussen!

Erkläre anhand eines Beispiels die Theorie der kognitiven Dissonanz!

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