Zusammenfassung
Als seltene opportunistische Infektionskrankheit tritt die Nokardiose insb. bei Personen mit Immunsuppression auf. Sie wird durch grampositive Nokardien verursacht, die weltweit v.a. im Boden oder Wasser vorkommen. Die Erkrankung manifestiert sich dabei je nach Infektionsort als pulmonale, kutane oder disseminierte Nokardiose. Die pulmonale Nokardiose führt zum klinischen Bild einer Lungenentzündung. Wie bei Pneumonien anderer Genese sind produktiver Husten, pleuritische Brustschmerzen und Fieber die vorherrschenden Symptome, was eine Unterscheidung von Lungeninfektionen durch andere Erreger erschweren und die Diagnose verzögern kann. Bei der kutanen Nokardiose sind Haut- und Weichgewebeinfektionen wie abszedierende Knoten typisch, ggf. begleitet von einer Lymphadenopathie oder einem Myzetom. Die disseminierte Form tritt fast ausschließlich bei immungeschwächten Personen auf und geht i.d.R. mit einer Beteiligung der Lunge oder des ZNS einher. Eine Kultur aus infektiösem Material (z.B. Sputum, Hautbiopsie) bestätigt die Diagnose. Die wichtigste Behandlungsmethode ist eine längere antiinfektive Therapie. Ohne adäquate Behandlung endet die pulmonale und die disseminierte Nokardiose bei immunsupprimierten Personen häufig letal.
Epidemiologie
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Erreger: >40 humanpathogene Nocardia-Arten (weltweit in Boden, Staub und (Ab‑)Wasser vorhanden, opportunistischer Erreger), bspw. [1][2]
- Übertragung: Inhalation (am häufigsten), Verschlucken, Inokulation durch eine Hautwunde oder Verletzung
- Risikofaktoren
- Immunsuppression (z.B. HIV-Infektion, Organtransplantation, Glucocorticoidtherapie, kürzlich durchgeführte Chemotherapie, Diabetes mellitus) [3]
- Chronische Lungenerkrankung
- Autoimmunerkrankungen
- Hohes Alter
Nokardien sind opportunistische Erreger – die meisten Personen mit Nokardiose sind daher immunsupprimiert!
Symptomatik
- Inkubationszeit: Variabel, einige Tage bis mehrere Wochen (und Monate) [3][4]
- Verlauf: Akut, subakut oder chronisch
Pulmonale Nokardiose (am häufigsten) [3][4][5]
- Auftreten: Insb. als opportunistische Infektion nach Inhalation der Erreger bei Immunsupprimierten
- Klinisches Bild
- Allgemein: Fieber, Gewichtsverlust, Nachtschweiß
- Respiratorisch: Rezidivierende Pneumonien, ggf. mit abszedierenden Läsionen, inkl. produktiven Hustens, Dyspnoe, pleuritischer Brustschmerzen
Die Symptome der pulmonalen Nokardiose werden häufig mit einer Tuberkulose verwechselt!
Disseminierte Nokardiose [1][3][4]
- Auftreten: Insb. nach hämatogener Ausbreitung der Erreger bei Immunsuppression [6]
- Klinisches Bild: Betrifft i.d.R. die Lunge und das Gehirn
- Pulmonale Befunde dominieren das klinische Bild, dazu multiple Abszesse in unterschiedlichen Organen
- Häufig Beteiligung des ZNS : Ggf. Hirnabszesse, Meningoenzephalitis inkl. Kopfschmerzen, Lethargie, epileptischer Anfälle und fokal-neurologischer Defizite
- Selten Endokarditis
Kutane Nokardiose (ca. 20%) [1][3][4]
- Auftreten: Insb. nach kutaner Inokulation, auch bei Personen ohne Immunsuppression
- Klinisches Bild
- Primär kutane Infektion
- I.d.R. oberflächliche Haut- und Weichteilinfektion: Bspw. Pyodermie, Follikulitis inkl. Knoten, Abszesse, Ulzerationen
- Lymphokutane Nokardiose: Bei oberflächlicher kutaner Nokardiose und zusätzlicher regionaler Lymphadenopathie oder Lymphangitis
- Subkutanes Myzetom: Chronische abszedierende Läsion der Extremitäten (i.d.R. an Füßen, Rücken oder Händen)
- Kutane Beteiligung bei disseminierter/systemischer Nokardiose (seltener)
- Entstehung durch hämatogene oder lokale Ausbreitung der Erreger
- Primär kutane Infektion
Kutane Nokardiosen sind seltener, treten aber häufiger auch bei Personen ohne Immunsuppression auf!
Die Kombination aus Lungenentzündung und einem kutanen Abszess an der unteren Extremitäten sollte an eine Nokardiose denken lassen!
Diagnostik
- Direkter Erregernachweis [1][4]
- Bildgebung: Insb. für die Verlaufsbeobachtung
Der Nachweis von Nokardien aus sterilen Kompartimenten bzw. aus granulomatösem oder eitrigem Gewebe ist beweisend für eine klinisch relevante Infektion! [4]
Die radiologischen und mikrobiologischen Befunde können denen einer Tuberkulose ähneln!
Differenzialdiagnosen
- Pneumonien anderer Genese mit/ohne kutaner Beteiligung
- Tuberkulose
- Lungenkarzinom
- Aspergillose
- Histoplasmose
- Sporotrichose
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
- Antiinfektive Therapie [1]
- Imipenem plus Amikacin für 2–6 Wochen [3][4]
- US-amerikanische Empfehlung: Cotrimoxazol für mind. 6 Monate [1]
- Indikationen einer zusätzlichen chirurgischen Therapie [1]
- Drainage von Abszessen oder Débridement von nekrotischem Gewebe
- Abszesse des ZNS: Bei großen und leicht zugänglichen Läsionen sowie fehlendem Ansprechen auf eine antibiotische Therapie
- Operable Komplikationen einer pulmonalen Infektion
Einige der Nokardien-Arten haben Resistenzen – eine Resistenztestung ist daher indiziert!
Prognose
- Hohe Heilungsrate bei kutaner Nokardiose
- Schlechtere Prognose mit höherer Letalität bei
- Immunsuppression
- ZNS-Beteiligung
- Disseminierter Nokardiose
Meldepflicht
- Keine krankheits- oder erregerspezifische Meldepflicht nach dem IfSG [4]
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- A43.-: Nokardiose
- A43.0: Pulmonale Nokardiose
- A43.1: Nokardiose der Haut
- A43.8: Sonstige Formen der Nokardiose
- A43.9: Nokardiose, nicht näher bezeichnet
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.