Zusammenfassung
Das Larynxkarzinom bezeichnet einen malignen Tumor des Kehlkopfes. Hauptrisikofaktor ist Nikotinabusus, gefolgt von Alkoholabusus. Karzinome der Stimmlippe werden früh durch Heiserkeit symptomatisch und haben deshalb eine sehr gute Chance auf Heilung. Alle anderen Tumorlokalisationen weisen durch ein spätes Auftreten unspezifischer Symptome (Fremdkörpergefühl, Dysphagie) eine deutlich schlechtere Prognose auf.
Epidemiologie
- Altersstandardisierte Inzidenz: 5,4 pro 100.000 Männer und 1,0 pro 100.000 Frauen pro Jahr (♂ >> ♀) [1]
- Altersgipfel: 50.–70. Lebensjahr
- Dritthäufigster maligner Tumor im Kopf-Hals-Bereich
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Nikotinabusus [1]
- Alkoholabusus (siehe auch: Video bei Tipps & Links)
- Asbest
- Schwefelsäurehaltige Aerosole und ionisierende Strahlung bei z.B. Uran nach mehrjähriger Exposition
- Präkanzerose: Leukoplakie, Erythroplakie, Larynxpapillom bei Erwachsenen (siehe: Benigne Tumoren und Präkanzerosen des Larynx)
Klassifikation
Einteilung nach Lage zur Glottis [2]
- Glottiskarzinom: Ca. 80%
- Supraglottiskarzinom: Ca. 20%
- Subglottiskarzinom: Sehr selten (ca. 3%)
TNM-Klassifikation maligner Glottistumoren [3]
TNM-Klassifikation maligner Glottistumoren | ||
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TNM | Ausdehnung | |
T1 | Tumor auf einen Bezirk beschränkt (Supraglottis, Glottiskarzinom oder Subglottis), Stimmlippe beweglich. Bei Glottistumoren wird zusätzlich in T1a und T1b unterschieden:
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T2 | Tumor ist auf zwei Unterbezirke ausgedehnt: | |
T3 | Tumor weiter auf den Kehlkopf begrenzt, Stimmlippe nicht mehr beweglich | |
T4 | Tumor überschreitet Organgrenze
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NX | Lokoregionäre Lymphknoten nicht beurteilbar | |
N0 | Keine lokoregionären Lymphknotenmetastasen | |
N1 | Metastase in einem einzigen ipsilateralen Lymphknoten, ≤3 cm und intakte Lymphknotenkapsel | |
N2a | Metastase in einem einzigen ipsi- oder kontralateralen Lymphknoten, ≤3 cm und Lymphknotenkapselüberschreitung; oder ipsilaterale Lymphknotenmetastase(n) zwischen 3–6 cm und intakte Lymphknotenkapsel | |
N2b | Metastasen in mehreren ipsilateralen Lymphknoten, ≤6 cm und intakte Lymphknotenkapsel | |
N2c | Metastasen in bilateralen oder kontralateralen Lymphknoten, ≤6 cm und intakte Lymphknotenkapsel | |
N3a | Metastase in einem Lymphknoten, >6 cm und intakte Lymphknotenkapsel | |
N3b | Metastase in einem einzigen ipsilateralen Lymphknoten, >3 cm und Lymphknotenkapselüberschreitung; oder Metastasen in mehreren Lymphknoten mit Lymphknotenkapselüberschreitung (sog. extranodaler Ausbreitung) | |
M1 | Fernmetastasen |
Es handelt sich fast ausschließlich um Plattenepithelkarzinome!
Stadieneinteilung der UICC (Union for International Cancer Control) [1]
Larynxkarzinom - Stadieneinteilung der UICC | |
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UICC-Stadium | TNM |
Stadium 0 | CIS (Carcinoma in situ) |
Stadium I | T1 |
Stadium II | T2 |
Stadium III | T3 oder N1 |
Stadium IVa | T4a oder N2 |
Stadium IVb | T4b oder N3 |
Stadium IVc | M1 |
Symptomatik
- Frühsymptome [4]
- Bei Befall der Stimmlippen (Glottiskarzinom): Heiserkeit
- Bei Supraglottiskarzinom und Subglottiskarzinom zeigt Heiserkeit ein fortgeschrittenes Stadium an
- Bei Befall der Stimmlippen (Glottiskarzinom): Heiserkeit
- Spätsymptome
Bei länger als 4 Wochen anhaltender Heiserkeit unklarer Ursache sollte eine Laryngoskopie durchgeführt werden!
Diagnostik
- Anamnese (insb. Noxen, Beruf!)
- Laryngoskopie: Unregelmäßige, knotige oder ulzerierende Veränderungen
- Probebiopsie zur histologischen Beurteilung [1][5]
- Panendoskopie: Endoskopische Untersuchung von Larynx, Pharynx, Trachea und Ösophagus
- Staging
- Lokale Ausbreitungsdiagnostik (Infiltration von Nachbarorganen, Lymphknoten und Schildknorpel)
- MRT oder KM-CT von Schädelbasis bis zur oberen Thoraxapertur
- Sonografie des Halses
- Metastasensuche
- CT-Thorax mit KM
- CT oder Sonografie des Abdomens
- Ggf. Ganzkörper-FDG-PET-CT bei hochgradigem V.a. fortgeschrittene Lymphknotenmetastasierung
- Ggf. Knochenszintigrafie
- Lokale Ausbreitungsdiagnostik (Infiltration von Nachbarorganen, Lymphknoten und Schildknorpel)
- Zusatzdiagnostik
- Evtl. Stroboskopie: Darstellung der Stimmlippenschwingung
Ein Screening der Gesamtbevölkerung oder auch spezieller Risikopopulationen (z.B. bei Nikotin- oder Alkoholabhängigkeit) wird nicht empfohlen!
Keine Empfehlung zur Wächterlymphknotenbiopsie!
Therapie
Allgemein [1][6]
- Therapieziel: Möglichst komplette Tumorresektion unter Berücksichtigung der Lebensqualität (nach Möglichkeit weitgehender Erhalt von Stimm- und Schluckfunktion)
- Je nach Lokalisation und Stadium: Endolaryngeale Lasertherapie, Laryngektomie und/oder Neck Dissection und/oder Radiatio bzw. Radiochemotherapie
- Bei lokal fortgeschrittenem, aber nicht metastasiertem Larynxkarzinom kann primär alternativ zur chirurgischen Resektion eine cisplatinhaltige Radiochemotherapie durchgeführt werden
- Bei allen Larynxkarzinomen kann eine chirurgische Therapie auch noch im fortgeschrittenen Stadium IV sinnvoll sein
Stadiengerechte Therapie des Larynxkarzinoms [1]
Stadiengerechte Therapie des Larynxkarzinoms [1] | |
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UICC-Stadium | Leitliniengerechte Therapieempfehlung |
Glottische und supraglottische Tumoren | |
Stadium I–II |
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Stadium III–IVA |
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Ab Stadium IVB | |
Subglottische Tumoren | |
Stadium I–IVA |
|
Stadium IVB |
Die Therapieentscheidung sollte beim Larynxkarzinom immer interdisziplinär durch HNO, Strahlentherapie und Onkologie erfolgen!
Folgen einer Strahlentherapie bei Larynxkarzinom können bspw. Knorpelnekrosen, ein Larynxödem, Schluckbeschwerden und Erytheme sein.
Ersatzsprache nach Laryngektomie
- Ösophagusersatzstimme (Ruktusstimme)
- Stimmprothese
- Anlage einer ösophagotrachealen Fistel
- Einbringen einer Ventilprothese, die Luft bei der Exspiration in den Ösophagus hindurchlässt
- Die eigentliche Phonationsbildung findet im Ösophagus/Neopharynx statt
- Nachteile
- Hoher Phonationsdruck
- Neigung zur Granulationsgewebe um die Ventilprothese
- Prothesendislokation und -insuffizienz mit Aspirationsgefahr
- Notwendigkeit zur Reinigung und intermittierendem Wechsel der Prothese
- In Spezialfällen: Rekonstruktion des Kehlkopfes mit freiem Gewebetransfer, sog. Laryngoplastik nach Hagen [7]
- Elektronische Sprechhilfe: Externe Erzeugung von Vibrationen der Mundbodenmuskulatur und Schleimhaut, sodass eine orale Tonbildung möglich wird
Prognose
- Kopf-Hals-Tumoren werden in mehr als 50% der Fälle in lokal fortgeschrittenen Tumorstadien diagnostiziert
-
Glottiskarzinome (v.a. Stimmlippenkarzinome) haben die beste Prognose: Therapiemodalitätsunabhängige 5-Jahres-Überlebensrate von etwa 90%
- Frühsymptom (Heiserkeit) vorhanden
- Lymphknotenmetastasen erst im Spätstadium (Stimmlippen haben wenig Lymphbahnen)
- Gute Therapiemöglichkeiten
- Supraglottiskarzinome
- Stadien I und II haben ein therapiemodalitätsunabhängiges 5-Jahres-Überleben von 80–90%
- Fortgeschrittene Stadien mit schlechter Prognose: 5-Jahres-Überlebensrate bei T4-Tumoren etwa 40%
- Subglottiskarzinome mit sehr schlechter Prognose
Die Prognose des Larynxkarzinoms hängt im Wesentlichen von der Lokalisation, TNM-Klassifikation und vom R-Status ab. Der HPV-Status spielt in der Prognose keine Rolle! [1]
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- C32.-: Bösartige Neubildung des Larynx
- C32.0: Glottis
- Lig. vocale [echtes Stimmband] o.n.A.
- Ventriculus laryngis
- C32.1: Supraglottis
- Aryepiglottische Falte, laryngeale Seite
- Epiglottis (suprahyoidaler Anteil) o.n.A.
- Hintere (laryngeale) Fläche der Epiglottis
- Plica vestibularis
- Taschenband [falsches Stimmband]
- Vestibulum laryngis
- Exklusive: AryepiglottischeFalte: hypopharyngeale Seite (C13.1), Randzone (C13.1), o.n.A. (C13.1); Vorderfläche der Epiglottis (C10.1)
- C32.2: Subglottis
- C32.3: Larynxknorpel
- C32.8: Larynx, mehrere Teilbereiche überlappend
- C32.9: Larynx, nicht näher bezeichnet
- C32.0: Glottis
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.
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