Zusammenfassung
Rotaviren sind weltweit verbreitet, der Hauptauslöser für Gastroenteritiden im Kindesalter und in Ländern des Globalen Südens außerdem eine Hauptursache der hohen Kindersterblichkeit. Sie werden in der Regel über Kontakt- und Schmierinfektionen übertragen und lösen aufgrund der hohen Infektiosität und kurzen Inkubationszeit schnell Epidemien aus. Da Rotavirus-Epidemien vor allem ohnehin gefährdete Patientengruppen wie ältere Patienten und Kleinkinder betreffen und inzwischen auch eine ökonomische Belastung für die betroffenen Gemeinschaftseinrichtungen darstellen, sollte großer Wert auf die Einhaltung hygienischer Standards gelegt werden. Klinisch stellt sich die Erkrankung typischerweise mit akut beginnender wässriger Diarrhö dar. Außerdem können Erbrechen, Bauchschmerzen, Fieber und bei rund der Hälfte der Patienten Symptome der oberen Atemwege auftreten. Die Therapie erfolgt rein symptomatisch. Für Säuglinge unter 6 Monaten wird eine Schluckimpfung empfohlen.
Epidemiologie
- Vorkommen: Weltweit
- Häufigkeit: Häufigster Erreger aller akuten Gastroenteritiden im Kindesalter (60%)
- Altersgipfel
- Kinder 6 Monate bis 2 Jahre
- Ältere Personen >60 Jahre
- Immunität: 90% aller Kinder >3 Jahre und knapp 100% aller Kinder >5 Jahre haben eine Rotavirus-Infektion durchgemacht und bilden Antikörper
- Epidemisches Risiko: Gemeinschaftseinrichtungen (bspw. Altenheime, Krankenhäuser, Kindergärten) aufgrund der unmittelbaren Nähe der Kontaktpersonen
- Saisonalität: Erkrankungsgipfel von Februar bis April
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Erreger: Humane Rotaviren, Familie der Reoviridae
- Reservoir: Hauptreservoir ist der Mensch
- Infektionsweg
- Fäkal-oral: Kontakt- und Schmierinfektion (direkter Kontakt zu Stuhl oder Erbrochenem, kontaminierte Flächen, Lebensmittel oder Trinkwasser)
- Infektiosität: Sehr hoch!
- Minimale Infektionsdosis (10 Viruspartikel) reicht aus
- Ansteckungsrisiko vom Zeitpunkt der Symptomatik bis zum Sistieren des Ausscheidens im Stuhl nach etwa 8 Tagen
Symptomatik
- Inkubationszeit: 1–3 Tage
- Akut beginnende Symptomatik
- Wässrige Diarrhö, oft mit Schleimbeimengungen
- Erbrechen
- Fieber
- Abdominelle Schmerzen
- Unspezifische respiratorische Symptome (50%)
- Weitere Charakteristika
- Bei Säuglingen und Kleinkindern durchschnittlich schwerere Verläufe als bei einer Gastroenteritis durch andere Erreger
- Asymptomatische Verläufe sind möglich
- Abklingen der Symptome i.d.R. nach 2–6 Tagen
- Komplikation: Dehydratation
Die Dehydratation kann, wenn nicht rechtzeitig adäquat behandelt, zum Tod führen!
Diagnostik
Verfahren zur Diagnosesicherung sollten nur bei Epidemien zum Einsatz kommen, bspw. um Infektionswege zu klären und diese zu unterbrechen, oder wenn sich aus anderen Gründen eine therapeutische Konsequenz ergibt.
- Nachweismethoden aus Stuhlproben
- Bei schweren Verläufen mit Exsikkose: Elektrolyte, Hämatokrit, BGA
- Bei septischen Verlaufsformen: Blutkultur
Entscheidend ist die Klinik! Ergebnisse aus Stuhluntersuchungen haben meist keine therapeutische Konsequenz und sollten daher unterlassen werden!
Differenzialdiagnosen
- Norovirus-Infektion: Akut einsetzendes schwallartiges Erbrechen als Hauptmerkmal, wässrige Diarrhö, meist Dauer <48 Std.
- Andere virale Gastroenteritiden
- Bakterielle Durchfallerkrankungen
- Parasitäre Durchfallerkrankungen
- Lebensmittel-Toxin-Infektionen
- Lebensmittelintoxikationen
Siehe auch: Ätiologie von Durchfallerkrankungen
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Die Therapie erfolgt rein symptomatisch, da es keine kausale antivirale Therapie gibt.
- Ausreichende Wasser- und Elektrolytsubstitution: Je nach Klinik
- Orale Rehydratationslösung (ORL)
- Intravenöse Rehydratationstherapie
- Antiemetika: Bei unstillbarem Erbrechen
- Dimenhydrinat (z.B. Vomex A®)
- Darreichungsformen: Sirup , Tabletten , Kautabletten Suppositorien und i.v. Injektionslösung
- Dosierungsempfehlungen [1]
- Zugelassen für Säuglinge ab 6 Monate oder ab 6 kgKG
- Kinder >25 kgKG
- Kinder 16–25 kgKG
- Kinder 6–15 kgKG
- Kinder >60 kgKG bzw. ≥14 Jahre und Erwachsene
- Zu beachten
- Keine Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz erforderlich
- Nicht anzuwenden u.a. bei Herzrhythmusstörungen, Pylorusstenose, Epilepsie oder Hirndruck
- Die i.v. Injektionslösung kann in folgenden Infusionslösungen gegeben werden: Glucose 5% bzw. 10%, isotonische Kochsalzlösung, Ringerlösung
- Injektionslösung sehr langsam injizieren (10 mL in nicht weniger als 2 min)
- Überdosierungen können lebensgefährlich sein
- Diphenhydramin (z.B. Emesan®)
- Darreichungsformen: Tabletten oder Suppositorien
- Dosierungsempfehlungen [1]
- Zugelassen für Säuglinge ab 6 Monate oder ab 6 kgKG
- Kinder 8–10 kgKG
- Kinder 10–20 kgKG
- Kinder >20 kgKG
- Kinder >12 Jahre und Erwachsene
- Zu beachten
- Dosisanpassung bei Leber- bzw. Nierenerkrankungen erforderlich
- Nicht anzuwenden u.a. bei Herzrhythmusstörungen oder Epilepsie
- Überdosierungen können lebensgefährlich sein!
- Dimenhydrinat (z.B. Vomex A®)
Überdosierungen von Antiemetika können immer lebensbedrohlich sein!
- Lactobacillus rhamnosus GG (z.B. LGG®) zum Aufbau der Darmflora
- Darreichungsform: Kapseln
- Dosierungsempfehlungen
- Zugelassen in jedem Alter, auch für Neugeborene, Schwangere, Stillende und Senioren
- Gleiche Dosis in jedem Alter
- Bei Schluckbeschwerden: Kapsel öffnen und Inhalt in Wasser oder anderer Flüssigkeit lösen
- Nicht in Fruchtsäften, Tee, heißen Getränke (>37 °C) lösen, weil Keime dann zerstört werden
Butylscopolamin (z.B. Buscopan®) wird im Kindesalter aufgrund des hohen Nebenwirkungspotenzials sehr zurückhaltend eingesetzt!
Antidiarrhoika (bspw. Loperamid) werden nicht empfohlen! Antiperistaltische Medikamente wirken sogar kontraproduktiv, da der erregerhaltige Stuhl ausgeschieden werden soll!
Antibiotika sind nicht indiziert, da es sich um eine virale Infektion handelt!
Prävention
Rotavirus-Schluckimpfung [2]
- Die STIKO empfiehlt im Impfkalender die Lebendimpfung gegen Rotaviren mittels Schluckimpfung für alle Säuglinge unter 6 Monaten in 2–3 Impfdosen mit einem Mindestabstand von 4 Wochen
- Beginn der Impfserie im Lebensalter von 6–12 Wochen
- Je nach verwendetem Impfstoff zwei (Rotarix®) oder drei (RotaTeq®) Impfdosen im Mindestabstand von 4 Wochen (siehe auch: Rotavirus-Impfstoff)
- Möglicherweise leicht erhöhtes Risiko für Darminvaginationen (ca.1–2 Fälle auf 100.000 geimpfte Kinder)
- Risiko innerhalb der 1. Woche nach der 1. Rotaviren-Impfung erhöht
- Risiko nimmt mit dem Alter der Impflinge zu
- Deshalb (möglichst) frühzeitige Impfung
- Aufklärung der Eltern: Kind mit Invaginationssymptomen sofort notfallmäßig ärztlich vorstellen (bspw. bei schrillem Schreien mit Anziehen der Beine, Erbrechen oder blutigem Stuhl)
- Ausscheidung des Impfvirus über den Stuhl (Maximum an Tag 7)
- Übertragung auf Kontaktpersonen möglich, i.d.R. ohne klinische Symptome
- Bei Immundefizienz bzw. -suppression: Absprache mit Immunologie empfohlen
- Bei Rotaviren-Infektion vor oder während der Impfserie: Nach Genesung vollständig verabreichen
- Nach Grundimmunisierung: Schutz für 2–3 Saisons
Da eine Übertragung des Impfvirus über den Stuhl möglich ist, sollte die Impfung von Säuglingen mit Kontakt zu immungeschwächten Personen nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen!
Rotavirus-Hygienemaßnahmen
Das Einhalten von Hygienevorschriften in medizinischen Einrichtungen und Gemeinschaftseinrichtungen sowie in Küchen steht nach wie vor im Vordergrund. Auf Oberflächen oder Handflächen hat das Virus eine lange Überlebenszeit. Für Patienten >6 Monate steht aktuell keine Impfung zur Verfügung.
- Die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen bei Ausbruch einer Rotavirus-Epidemie entsprechen weitestgehend denen einer Norovirus-Epidemie: → Siehe: Hygienemaßnahmen bei Norovirus-Epidemien
Meldepflicht
- Arztmeldepflicht
- Nach § 6 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Verdachts- oder Krankheitsfall einer Erreger-bedingten Lebensmittelvergiftung oder einer akuten infektiösen Gastroenteritis wenn
- Eine Person aus der Lebensmittelbranche betroffen ist oder
- ≥2 Personen von einem möglichen epidemischen Zusammenhang betroffen sind
- Nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen) ): Namentliche Arztmeldepflicht bei Krankheits- oder Todesfällen sowie bei Ausscheidern
- Nach § 6 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Verdachts- oder Krankheitsfall einer Erreger-bedingten Lebensmittelvergiftung oder einer akuten infektiösen Gastroenteritis wenn
- Labormeldepflicht nach § 7 IfSG
- Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis
- Meldepflicht für Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen nach § 33 und § 34 (6) IfSG
- Namentliche Meldepflicht bei Verdachts- und Krankheitsfällen einer akuten infektiösen Gastroenteritis bei betreuten Kindern, die das 6. Lebensjahr noch nicht erreicht haben
- Namentliche Meldepflicht beim Auftreten von zwei oder mehr gleichartigen, schwerwiegenden Erkrankungen, wenn als deren Ursache Krankheitserreger anzunehmen sind
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- A08.-: Virusbedingte und sonstige näher bezeichnete Darminfektionen
- A08.0: Enteritis durch Rotaviren
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.